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Kurt Schütters

Kurt, welcher Kurt?

Kunst und Nachhaltigkeit

Das Thema Kunst und Nachhaltigkeit beschäftigt mich nun schon seit einigen Jahren. Vor allem gehört Kurt Schwitters zu meinen Helden, da er einer der ersten war, der durch Upcycling Kunst geschaffen hat. Doch wie kam es dazu?

Nach dem Ersten Weltkrieg stand Kurt Schwitters am Anfang seiner Karriere. Der junge Hannoveraner wollte sich künstlerisch weiterentwickeln, sich von der herkömmlichen Akademiekunst befreien und etwas Neues erschaffen. Mit Hilfe des Berliner Galeristen Herwarth Walden knüpfte er Kontakte zu Künstlern des Expressionismus und des Dadaismus. Diese Begegnungen blieben nicht ohne Folgen, denn sie veranlassten Schwitters zwischen 1918 und 1919, seine eigene Kunstform zu entwickeln, die sogenannte „Merz“-Kunst.

(Bildimpressionen zu Kurt Schwitters: pinterest.se/sesit/kurt-schwitters-18871948 )

Seine ersten „Merz“-Bilder bestanden aus den klassischen Materialien, wie Leinwand und Farbe, aber auch aus weggeworfenen Papierschnipseln, kaputten Kinderwagenreifen, Kisten, Spielkarten und anderem „Müll“. Gleichberechtigt wie die Farbe wurden diese Dinge auf die Leinwand montiert, teilweise übermalt oder überklebt. Auf einem dieser ersten Papierschnipsel war „Merz“ zu lesen – ein Fragment aus „Kommerz- und Privatbank“. Fasziniert von diesem Fragment, betitelte er seitdem seine Zeichnungen, Bilder, Objekte oder Gedichte danach – und selbst sich nannte er später „Kurt Merz Schwitters“.

Isabel Oestreich: Installationen
Isabel Oestreich: Alltagsreliquien (links), Königinnenwaben (rechts) / Installation
Hermann Josef Hack: World Climate Refugee Camp
Hermann Josef Hack: World Climate Refugee Camp, transmediale 2009, Berlin (links) Bonn, 20. Juni 2012 (rechts) Foto: Hack

Schwitters suchte für seine Collagen und Assemblagen überall nach Materialien. Das zufällig Gefundene und Weggeworfene der Alltagswelt auf den Straßen und Plätzen standen im Vordergrund seines Schaffensprozesses. Der Konsummüll, den wir heute ebenfalls allzu gut kennen. Beliebte Fundstellen waren Druckereien, deren Fehldrucke und Druckreste er nach passendem Material durchforstete. Das, was er fand, sah er als Kompositionselement und nicht mehr als das, wofür es ursprünglich geschaffen worden war. So war ein kaputtes Rad kein kaputtes Rad mehr, sondern ein reines Bildelement. Er nannte das „Entformeln“. Das macht ihn zu meinem Helden: Er gab jedem Gegenstand, den er fand, eine neue Wertigkeit. Der Müll war kein Müll mehr, sondern diente einem neuen Zweck. Es ist vielleicht dieses Infrage stellen des herrschenden Wertesystems und das Aufzeigen einer anderen Sichtweise, die vor allem Kunst auf so spielerische und leichte Weise vermitteln kann.

Schwitters arbeitete sein Leben lang mit dieser Technik des „Entformelns“. Seine „Merz“-Kunst näherte sich später dem Stil des Konstruktivismus an, blieb aber doch immer eigenständig. Mehrfach unternahm er den Anlauf, einen „Merz“-Bau zu verwirklichen – u. a. in Hannover, Norwegen und England. Durch den Zweiten Weltkrieg sind die Bauten jedoch entweder zerstört worden oder unvollendet geblieben. Räume, die aus rein ästhetischen Gesichtspunkten aus gefunden Materialien zusammengesetzt wurden. Der „Merz“-Bau war sein großer Traum und sollte sein abschließendes Meisterwerk, sein in Form gegossenes Manifest sein.

Seine Arbeiten blieben nicht ohne Wirkung auf folgende Generationen. In erster Linie nicht so stark in Deutschland, da Hitlerdeutschland die moderne Kunst verbot. Dafür aber auf die amerikanischen Künstler, die nach 1945 wiederum die deutschen Künstler beeinflussten. Schwitters Einfluss ist bei Richard Hamilton, Eduardo Paolozzi, Dieter Roth, Joseph Beuys, Daniel Spoerri und vielen anderen zu sehen. Seine Wirkung ist bis in die heutige Zeit nicht zu unterschätzen. So finden wir viele Künstler auch auf den ökoRAUSCH- Ausstellungen wieder, die das gleiche Konzept des „Entformelns“ der Materialien anwenden, wie bei Werken von Isabel Oestreich, Doris Kamlage, Susann Körner oder Hermann Josef Hack.

Doris Kamlage: warm up
Doris Kamlage: warm up / Kunststoff - Acryl - Eisen

Kurzbiographie zu Kurt Schwitters:

Kurt Schwitters wurde 1887 in Hannover geboren und war ein Künstler, Dichter und Werbegraphiker. Er wurde mit seinem Gedicht „An Anna Blume“ einem breiten Publikum bekannt. Seine Kunst wird heute zum Dadaismus und dem Konstruktivismus zugeordnet. 1937 floh er vor den Nationalsozialisten nach Norwegen und schließlich nach England, wo er 1948 starb.

Das Sprengel Museum Hannover beherbergt im Kurt Schwitters Archiv den Nachlass des Künstlers und präsentiert als die weltweit größte Sammlung von Kurt Schwitters-Werken regelmäßig Ausstellungen. sprengel-museum.de/kurt_schwitters_archiv

2. März 2017

Thema: Artikel, Social Design & Arts

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Autor*in

Hendrik Olliges

Hendrik Olliges

Hendrik Olliges hat als Master of Arts im Fach Kunstgeschichte bereits innovative Projekte mit dem Museum Kunstpalast, der Sammlung NRW und der ökoRAUSCH durchgeführt. Heute ist er in einer der renommiertesten Galerien Düsseldorfs als Kunsthistoriker tätig und promoviert darüber hinaus über einen Maler des 19. Jahrhunderts. Seit 2009 arbeitete er in verschiedenen Funktionen für die ökoRAUSCH und war zuletzt 2015 Co-Kurator des Kunstbereichs.

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