FOND OF

Wie gelingt faires Wachstum?

Die Corporate Responsibility-Verantwortlichen von FOND OF, Julian, Hannes und Philipp empfingen uns zum dritten Matchmaking unserer ECO DESIGN MEETS BUSINESS-Reihe in ihren heiligen „Creative Spaces“, wo die Regeln für die Produktion von Rucksäcken gerade neu geschrieben werden. Was das genau bedeutet, haben wir uns angehört – und diskutiert.

Nach einer kleinen Vorstellungsrunde – wir hatten eine gute Mischung aus interessierten Kommunikations- und Produktdesigner*innen dabei – lauschten wir dem Gründungsmythos von FOND OF: Die drei FOND OF-Gründer beschlossen, einen Schulrucksack für Grundschüler*innen auf den Markt zu bringen. Damals hätten sie wohl nicht gedacht, dass sie einmal die Riege als nachhaltiges Best Practice-Beispiel anführen würden. Ökologisch gesehen sei der erste Rucksack nämlich eine Katastrophe gewesen. Stattdessen lag der Fokus zunächst darauf, einen möglichst ergonomischen Schulbegleiter zu kreieren, von dem Kinder auch bei hohem Gewicht keine Rückenschmerzen mehr bekommen sollten. Und der Plan ging auf. Dem „Ergobag“ folgten weitere Marken für andere Zielgruppen, wie Satch, Aevor und Pinqponq. Das 2010 gegründete Unternehmen hat inzwischen (Stand 2019) an die 300 Mitarbeiter*innen, macht 76 Mio. Umsatz und wächst jedes Jahr um zweistellige Prozentzahlen.

Das mit der Nachhaltigkeit war dann eher Zufall, geben unsere drei Gastgeber ganz offen zu. Als ein Produzent für Stoffe aus recycelten PET-Flaschen an FOND OF herantrat und die Zusammenarbeit anbot, packten sie die Gelegenheit bei den Trägern und stellten ihre Produktion um. Die „from bottle to bag“-Story veranlasste die Macher immer bewusster damit umzugehen, dass die Textilindustrie eine der schmutzigsten der Welt ist. Deshalb wird inzwischen die gesamte FOND OF-Wertschöpfungskette immer weiter nach Nachhaltigkeitskriterien geprüft und optimiert. Was bei einem hoch komplexen Liefernetz gar nicht so einfach ist. Die Präsentationsfolien versuchen, uns das weite, verschlungene, internationale System aus unzähligen Zulieferern, Produzenten, Nähereinen, Färbereien und Kontrollstellen verständlich zu machen. Es wird klar: Bis sich hier jedes Rädchen nachhaltig dreht, muss Einsatz erbracht werden. Viel Einsatz. Deshalb ist FOND OF sowohl Mitglied in der Fair Wear Foundation als auch durch bluesign zertifiziert. Transparenz wird geschaffen, indem alle Subunternehmer*innen auf der Firmenwebseite veröffentlicht werden und sich die Produktionsstätten in Asien regelmäßigen Audits unterziehen lassen müssen. Auch der Hauptsitz hier in Deutschland durchläuft regelmäßig einen „Brand Performance Check“. Und, werden die Produkte demnächst noch nachhaltiger? Wir erfahren, dass für die Sommersaison 2020 für jede Marke ein „most sustainable product“ geplant wird: Für Pinqpong beispielsweise ein neues Rucksackmodell, das komplett ungefärbt ist und auch sonst nach allen (aktuell umsetzbaren) Regeln der Kunst verantwortungsvoll hergestellt ist.

Wir sind ziemlich beeindruckt. Trotzdem liegen uns noch einige Fragen auf der Zunge. Wir diskutieren unter anderem darüber, was mit nicht abverkauften Produkten passiert – sie werden teils gespendet, aber größtenteils leider entsorgt. Die Teilnehmer*innen beschäftigt ebenfalls, ob ein Gewebemix mit 80% Alge (und 20% Plastik) besser ist als 100% Plastik. Eine knifflige Frage, denn ein Mix bedeutet automatisch, dass nicht mehr sortenrein recycled werden kann. Aber solange aktuell leider am Ende eines jeden Produkts nur die Entsorgung steht, ist der ausschlaggebende Aspekt, dass der ökologische Fußabdruck des Mixes geringer ausfällt. Auch das Thema Inlandsflüge beschäftigt die Runde, und wir erfahren, dass FOND OF diesen Punkt noch diskutiert, die getätigten Flüge aber bisher nur kompensiert. Auch die Frage nach dem Weniger wird gestellt: „Brauchen wir überhaupt noch mehr Lifestyle-Produkte?“. Hier stößt die Diskussion an ihre Grenzen, denn für eine Firma, die im klassischen Verständnis unseres Wirtschaftssystems weiter wachsen möchte, ist das natürlich schwierig zu beantworten. Zwischen den Faktoren Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit beziehungsweise Umsetzbarkeit kommt es also durchaus zu Reibung und Unvereinbarkeit. Daraus machen die CR-Verantwortlichen von FOND OF auch keinen Hehl. Doch es wird deutlich, dass sie in diesem Rahmen wirklich hart daran arbeiten, so nachhaltig wie möglich zu produzieren. Und wer sich damit auseinandersetzt, weiß, wie schwierig es ist, die Ansprüche an eine möglichst nachhaltige Arbeits- oder Lebensweise mit den Zwängen und Einschränkungen der Alltagsrealität zu vereinen. Die Ambiguitäten des Lebens, unserer globalen Gesellschaft und wirtschaftlichen Systeme aufzulösen – das schafft kein Unternehmen alleine. Deshalb ist der ehrliche Umgang mit der eigenen Entwicklung das, was FOND OF so sympathisch, authentisch und vor allem glaubwürdig macht.

Wir bedanken und herzlich bei FOND OF und unseren Teilnehmer*innen für den regen Austausch, die Offenheit und den Mut, auch kritische Fragen zu stellen bzw. zuzulassen!

Ein großer Dank gilt auch unserer Fotografin Bozica Babic.

Autor*in

Kim Huber

Kim ist konzeptionelle Kommunikationsdesignerin. Sie studierte „Nachhaltiges Design“ an der ecosign Akademie für Gestaltung und arbeitete am Wuppertal Institut an der Übersetzung von wissenschaftlichen Inhalten in visuelle Kommunikation.

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