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Gesellschaft Gestalten

auf der Suche nach (Frei-)Raum

Weltweit migrieren Menschen in großen Strömen. Getragen von der Hoffnung auf ein besseres Leben sind sie auf der Suche nach Freiraum, Selbstbestimmung und Sicherheit.

Gleichzeitig werden immer neue Mauern gebaut und Zäune aufgestellt: Die USA wollen sich gegen Mexiko abschotten, Ungarn wickelt 2015 einen Stacheldrahtzaun ab, um den Zustrom an der Grenze zu Kroatien und Serbien zu stoppen. Obwohl Europa zu einer der wohlhabendsten Regionen der Welt gehört, finden hier viel weniger Geflüchtete eine sichere Heimat als in anderen Weltregionen.

Auch hierzulande sind Menschen in Bewegung – auf der Suche nach dem für sie richtigen Lebensraum. Die als Landflucht bekannte Tendenz, in städtische Ballungsräume zu ziehen ist ausgeprägter denn je. Aber wie geht die Gesellschaft damit um?

Menschen in Bewegung

Weltweit sind Menschen in Bewegung. Auf der Suche nach Perspektiven und Sicherheit ziehen sie von Land zu Land oder vom Land in die Stadt. Nehmen wir die Migrationsbewegungen richtig wahr?

Die Grafiken geben Aufschluss: Von den weltweit Vertriebenen finden nur 6 % in Europa Aufnahme. Unter den Top-Aufnahmeländern 2013-2016 rangieren die Türkei, Pakistan der Libanon und Äthiopien ganz vorne.

Gesellschaft gestalten Flüchtlingszahlen

Urbanisierung

2008 lebten weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. 2030 wird mit 5 Milliarden in Städten lebenden Menschen gerechnet. Am stärksten wird sich die Urbanisierung in Afrika und Asien vollziehen. Auch in Deutschland ziehen die Menschen vom Land in die Stadt, in der Vergangenheit wie in der Zukunft.

Gesellschaft gestalten Städtezuwachs

Torre David-Der Vertikale Slum

192 Meter hoch, 45 Stockwerke, davon 28 bewohnt. Torre de David ist ein nur im Rohbau fertiggestellter Wolkenkratzer in Caracas, Venezuela. Lange stand er leer. Dann eroberten ca. 2000 bis 2500 Menschen die Investruine. Zunächst waren es Menschen aus Armenvierteln, später auch Angehörige der Mittelschicht, um den hohen Mieten in Caracas zu entgehen. Mit provisorischen Mitteln wurden in den leeren Etagen Wohnungen, Läden, Cafés, Sportplätze, Werkstätten und Arztpraxen eingerichtet. Die Einwohner verlegten selbst eine Infrastruktur für Strom und Wasser.

Statt Chaos erwuchs eine gut organisierte Gemeinschaft. Das Regierungssystem umfasste einen Koordinator je Etage und einen Präsidenten des gesamten Turms. Jeden Monat berieten die Vorsitzenden über Entscheidungen. Die Bewohner*innen lebten ein normales Leben, arbeiteten, putzten Autos, jobbten in Imbissbuden oder in Einkaufszentren. In der Freizeit spielten sie Domino, reparierten Autos oder gingen aus. Die Kinder gingen normal zur Schule.

Der Urban Think Tank aus Zürich erarbeitete in einem multidisziplinären Forschungs- und Designprojekt zu der von 2007 – 2014 stattgefundenen Besetzung verschiedene, teils preisgekrönte Medien: diesen Film, eine Publikation und eine Ausstellung auf der Architekturbiennale in Venedig, die den Goldenen Löwen gewann.

Grandhotel Cosmopolis

Unterkunft für geflüchtete und Hotel

Das Grandhotel Cosmopolis ist eine soziale Plastik. Es wurde 2011 als Zukunftslabor für die Gesellschaft gegründet und bietet eine Plattform für Begegnungen und Interaktionen.

Äußerlich handelt es sich um ein Gebäude von ca. 2600 m² inmitten von Augsburg. Dieses Gebäude umfasst ein Hotel, Ateliers und Studios, eine Bar, ein Restaurant, einen Konzertsaal und eine staatlich betriebene Unterkunft für 65 Geflüchtete.

Wie findet die Begegnung statt?

Innerhalb des Gebäudes und in dessen Umfeld bewegen sich ständig um die 150 Menschen aller Altersgruppen, Fähigkeiten und Hintergründe, die die soziale Skulptur am Leben und im Gleichgewicht halten. Sie ist Teil eines globalen Netzwerks von Kunst, Mut und Menschlichkeit.

Hotelgäste und Asylsuchende, Personal, Besucher, Augsburger Nachbarn und Freunde treffen in der Lobby, in Gemeinschaftsküchen, im Teegarten, im Rosengarten, und im Café zusammen.

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Onya – Leerstand beleben

Tel Aviv’s Central Bus Station

Der zweitgrößte Busbahnhof der Welt mit seinen sieben Etagen und 240.000 Quadratmetern eine architektonische und städtische Fehlplanung par excellence

Die Vision des Architekten: Ein Busbahnhof mit Einkaufszentrum, in dessen Wirrwarr von Rolltreppen und Gängen sich die Besucher*innen wie in einer richtigen Stadt verlaufen und nebenbei in den Geschäften Geld ausgeben sollten.

Das Ergebnis: Reisende fluchen, weil sie ständig den Bus verpassen. Kurz nach der Eröffnung des überdimensionierten Einkaufszentrum 1993 gingen viele Geschäfte binnen kurzer Zeit pleite. Das umgebende Stadtviertel Neve Sha’anan verlor seine Geschäfte und wurde zum Problembezirk. Heute sind 60 % des Gebäudes verlassen und verfallen.

In einigen Etagen etablieren sich Ramschläden, in anderen finden marginalisierte Gruppen ein Zuhause.

Onya

Das Künstler- und Architektenkollektiv Onya gründete sich 2014, um den leeren Gängen neues Leben einzuhauchen. Sie veranstalten ein Festival, präsentierten Kunstwerke und kreative städtische Landwirtschaft. Auf der obersten Etage, wo Reisende auf Busse warten, richteten sie eine Bibliothek ein.

In einem der ehemaligen Eingänge des Busbahnhofs betreiben sie einen urbanen Garten. Als Gemeinschaftsressource steht dieser den anliegenden Nachbarschaften kostenlos zur Verfügung. Außerdem bietet Onya aufschlussreiche Führungen über die Fehlplanungen und Herausforderungen dieses Labyrinths an.

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Battir – Welterbe statt Grenzzaun

Ein Dorf an der Grenzlinie

Die Menschen von Battir blicken in die Zukunft. Hier befindet sich eine der wenigen Lücken in der Grenzmauer zwischen Israel und Palästina. Stattdessen wird eine elektronische Grenzüberwachung eingesetzt. Eine uralte Terrassenfeldbaulandschaft mit einem mehrere tausend Jahre alten Bewässerungssystem konnte so vor der Zerstörung bewahrt werden.

Seit 2002 baut Israel entlang der Grenze zum Westjordanland eine Grenzmauer, die zu großen Teilen in das palästinensische Gebiet hineinragt, Bauern ihres Landes beraubt oder an dem Zugang zu ihren Feldern hindert. In Battir hätte die Mauer die uralte Terrassenlandschaft von der Wasserversorgung abgeschnitten und zerstört.

Battir wird UNESCO-Welterbestätte

Wie konnte sich das kleine, palästinensische, genau an der Grenzlinie gelegene Dorf gegen die israelische Staatsmacht behaupten?

Die Bewohner*innen von Battir wehrten sich und beantragen mit Hilfe der NGO EcoPeace Middle East den Welterbestatus bei der UNESCO und reichten Klage beim israelischen Umweltministerium ein. Dass sie dabei durch einige Einwohner*innen einer nahegelegenen jüdischen Siedlung unterstützt wurden, erhöhte die internationale Aufmerksamkeit. Am 20. Juni 2014 verlieh die UNESCO Battir den Welterbestatus. Am 5.Januar 2015 untersagte der Israeli High Court of Justice dem Israelischen Militär, die Grenzmauer entlang der geplanten Linie durch Battir zu bauen.

Battir 2020

Heute wollen die Einwohner*innen mit dem Programm Battir 2020 ihr Dorf für den Tourismus attraktiv entwickeln – und das ausschließlich mit ihrem eigenen Geld und Einsatz. So wurde bereits ein römischer Brunnen restauriert, und ein Fair Trade Shop mit lokalem Handwerk eingerichtet.

Das Designlabel Disarming Design from Palestine erzählt von der Lebensrealität in Palästina mittels konzeptioneller, nützlicher Designprodukte. Diese werden gemeinsam von Designer*innen und Handwerker*innen entworfen.

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Autor*in

Lenka Petzold

Lenka Petzold ist als freiberufliche Designerin auf ökologisch und sozial ausgerichtete Projektarbeit fokussiert. Sie arbeitet in der Konzeption sowie in der Gestaltung, ist als Initiatorin mehrerer Projekte tätig und als Bildungsreferentin aktiv.

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