Recht auf Reparatur

Kreativ – Werte schöpfen

Runder Tisch Reparatur
77 % der EU-Bürger*innen wünschen sich, ihre Produkte reparieren zu können, statt neue kaufen zu müssen. Reparaturkosten sind allerdings häufig zu hoch und Ersatzteile nur schwer zu bekommen, weil Hersteller sie nicht zur Verfügung stellen. Das liegt auch daran, dass die Reparaturfähigkeit von Produkten bisher gesetzlich nicht geregelt ist. Hersteller von Elektronikgeräten sind nicht verpflichtet, Ersatzteile und Informationen für die Reparatur bereitzustellen.

Ein EU-Gesetz schafft Klarheit
Die Initiatoren der neuen Kampagne Right to Repair Europe fordern ein universelles Recht auf Reparatur.
Dieses Recht soll langfristig auf EU-Ebene eingeführt werden. Hersteller sollen dazu verpflichtet werden, Geräte so zu konstruieren, dass einzelne Teile problemlos und ohne weitere Schäden am Produkt ausgetauscht werden können. Ökodesign-Standards für Elektrogeräte wird es innerhalb der EU bereits ab 2021 geben. Das Gesetz steht für stromsparende Haushaltsgeräte und für eine verbesserte Reparierbarkeit, eine längere Verfügbarkeit von Ersatzteilen sowie für die Bereitstellung von Informationen zur Reparatur.

Die Umwelt schützen
Das Reparieren und die längere Nutzung von Produkten kommt nicht nur Verbraucher*innen zugute, sondern es schützt auch das Klima. Eine Studie des Europäischen Umweltbüros zeigt, dass in der gesamten EU jedes Jahr bis 2030 rund zehn Millionen Tonnen CO2 eingespart werden könnten, wenn die Lebensdauer von Geräten auf fünf Jahre steigen würde.

Lokal Vernetzt & Open source

Repair-Cafés In Deutschland
Deutschlandweit gibt es temporär eingerichtete Selbsthilfewerkstätten
zur Reparatur defekter Alltags- und Gebrauchsgegenstände. Diese Treffen sind ehrenamtlich organisiert und verbinden den sozialen Austausch mit der Erhaltung und längeren Nutzbarkeit von Elektronik und anderen Alltagsgegenständen. Das Ziel ist, Müll zu vermeiden, Ressourcen zu sparen und damit die Umwelt zu schonen. Es werden nachhaltige Lebensweisen erprobt, Wissen wird weitergegeben und geteilt.

iFIXIT online Reparatur-Hilfe
Fast alle technischen Geräte können in Eigenregie repariert werden. iFixit befähigt Einzelpersonen, ihr technisches Wissen mit dem Rest der Welt zu teilen, und stellt die nötige Plattform dazu bereit. Jede*r kann existierende Anleitungen nutzen, bearbeiten und verbessern oder eine Reparaturanleitung für ein Gerät erstellen und veröffentlichen. Da Schraube nicht gleich Schraube ist, bietet iFixit professionelles Werkzeug für jede Reparatur. Erfahrungsberichte von iFixit Nutzer*innen zeigen, dass die Reparatur von sehr vielen Geräten mit dem richtigen Werkzeug für Anfänger*innen möglich ist.

Je nach Verwendungszweck eignen sich unterschiedliche Schrauben. Torx-Schrauben lassen sich beispielsweise durch ihre Form mit weniger Kraftaufwand lösen.

Manche Hersteller benutzen eigene Schrauben wie Pentalobe. Für solche exotischen Schrauben haben die Wenigsten den passenden Schraubendreher zu Hause. Dies erschwert die Reparatur, und namhafte Hersteller argumentieren, die Reparatur Profis zu überlassen.

Surfing the Waste – Sich vom Konsum Befreien

Beim „Dumpster diving“ – zu Deutsch „Containern“ – muss man nicht aus großer Höhe in Mülleimer springen. Das Retten von Lebensmitteln aus Abfallcontainern ist eine Form des Protests
gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und anderen Produkten. Es ist Teil eines alternativen Lebensstils namens Freeganismus, der die Beteiligung an der konventionellen Wirtschaft und den Ressourcenverbrauch reduziert.

Vom Überschuss leben
Das kurze Musical „Surfing the Waste“ fängt die Überzeugungen von fünf jungen Menschen in einer WG im kanadischen Montreal ein. Sie containern und sind stets auf der Suche nach wiederverwendbarem Abfallmaterial. Die ganze Küche ist damit ausgestattet, denn alles, was sie brauchen, ist auf der Straße zu finden. Um Energie zu sparen, lassen sie den Mixer mit einem Pedal und einem Fahrradrad laufen.

Containern ist kein Verbrechen
Containern ist in Deutschland verboten. In München wurden 2019 zwei Student*innen dafür verurteilt, Lebensmittel aus einem Abfallcontainer eines Edeka-Supermarktes entwendet zu haben. Selbst bei einer Revision vor dem Oberlandesgericht blieb das Urteil bestehen. Am 8.11.2019 haben sie eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Sie zweifeln an, dass Containern unter den Diebstahlsparagraphen fällt. Nicht das Retten von Lebensmitteln ist eine Straftat, sondern deren Vernichtung. Der Handel sollte verpflichtet werden, aus dem Verkauf genommene, genießbare Ware kostenfrei abzugeben! Die Beschwerde wurde am 20.8.2020 abgelehnt. Containern darf weiterhin mit dem Strafgesetzbuch geahndet werden. Das Verfassungsgericht verweist jedoch auf die Notwendigkeit von politischen Initiativen. So kam es am 10.12.2020 im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz des Bundestags zu einer öffentlichen Anhörung über die Entkriminalisierung von Containern.

Zu Upcycling motivieren
Das Bausystem vom Designlabel PappMeister regt Kinder zum spielerischen Verwerten von Abfällen an: Mit Verbindungselementen aus Karton lassen sich gebrauchte Papprohre von Küchenrollen und Toilettenpapier einfach zu phantasievollen Konstruktionen zusammenstecken.

STOMPANY

Musik mit Alltagsgegenständen
Inspiriert von STOMP, der weltberühmten Percussion-Show aus England, entstand 2010 unter der Leitung der Rhythmikerin Barbara v. Knobelsdorff das Ensemble Stompany in Hannover. Das Repertoire von Stompany umfasst neben einigen bearbeiteten klassischen Stomp-Nummern überwiegend eigene Kompositionen und Choreographien, mal mit, mal ohne Gesang, mit Bodypercussion, mit allerlei Alltagsgegenständen wie Eimern, Büchern und Flaschen … Dabei macht die Band selbst vor unschuldigen Brötchentüten nicht halt.

Werkstattkonzert in der Bauteilbörse
Besonders heimisch fühlte sich Stompany in der Bauteilbörse Hannover. Hierher bringen Menschen nicht mehr benötigte Baumaterialien, die von anderen gegen eine Spende mitgenommen werden können – ein großer Spielplatz für die Band. Verpackungen von Toastbrot oder Einwegtaschentüchern wurden bisher immer weggeworfen? Wer beim Werkstattkonzert in der Bauteilbörse war, weiß, wie mit solchen Tüten mit Übung und Rhythmusgefühl Musik gemacht wird. Ein vielstimmiges Knistern und Knautschen, ganz leise zunächst, dann mit steigender Dynamik, überrascht die Zuhörer*innen. Abwasserrohre erzeugen unterschiedliche Tonhöhen, und auch aus Blecheimern, Tontöpfen oder Gießkannen kommt Musik.

Das Thema Reperatur wurde in der ökoRAUSCH Wissenswelt auf dem ökoRAUSCH Festival für Design und Nachhaltigkeit (28.8.-24.9.2020) im MAKK (Museum für Angewandte Kunst Köln ausgestellt. Die ökoRAUSCH Wissenswelt steht nun als Wanderausstellung zum Verleih NRW-weit zur Verfügung. Weitere Informationen findet ihr auf stadt-land-welt.org oder schreibt an stadt.land.welt@posteo.de !

Fotos: Bozica Babic und Astrid Piethan

Quellen und Links:
* www.germanwatch.org/de/15392
* www.runder-tisch-reparatur.de/
* www.runder-tisch-reparatur.de/forderungen/
* www.de.ifixit.com/
* www.www.reparatur-initiativen.de/
* www.stompany.jimdofree.com
* www.bauteilboerse-hannover.de
* Surfing the Waste: www.vimeo.com/27673416
* www.olchiscontainern1.blogsport.de/
* www.foodwastestudies.com

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Unser Co-Veranstalter des Festivals, Stadt Land Welt e.V. ist maßgeblich für die inhaltliche und vor allem methodisch aufbereitete Vermittlung der Themen des Festivals an ein breites Publikum verantwortlich. Die von ihm gestaltete „ökoRAUSCH Wissenswelt“ wird gefördert durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen.

Autor*in

Kim Huber

Kim ist konzeptionelle Kommunikationsdesignerin. Sie studierte „Nachhaltiges Design“ an der ecosign Akademie für Gestaltung und arbeitete am Wuppertal Institut an der Übersetzung von wissenschaftlichen Inhalten in visuelle Kommunikation.

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